Von Krisen und Visionen
2000 Jahre Bekehrung und Berufung zwischen Legitimation und Transformation
DOI:
https://doi.org/10.17879/zpth-2026-9796Abstract
Der Beitrag untersucht Berufung und Bekehrung als zentrale, aber theologisch und historisch hochambivalente Kategorien christlicher Identitätsbildung. Ausgehend von exemplarischen Biografien – Franziskus von Assisi, Teresa von Ávila, Sor Juana Inés de la Cruz und Thérèse von Lisieux – zeigt der Text, wie Berufungserzählungen entlang geschlechtsspezifischer Erwartungen, Körperpraktiken und kirchlicher Machtstrukturen konstruiert wurden. Während männliche Berufungen öffentlich, autorisierend und institutionell bestätigt erscheinen, sind weibliche Berufungen an Räume der Klausur, der Innerlichkeit und der Kontrolle gebunden. Die Analyse macht sichtbar, wie Körper, Leiden und Armut als theologische Legitimationsfiguren fungieren und zugleich gefährliche Dynamiken entfalten können, insbesondere für Frauen. In einem zweiten Schritt wird die paulinische Bekehrungsfolie als paradigmatische Legitimationsstruktur herausgearbeitet, die bis heute religiöse und politische Narrative prägt. Der Text argumentiert, dass Berufung und Bekehrung weder neutrale noch ungefährliche Kategorien sind, sondern Ausschlüsse, Machtasymmetrien und normative Geschlechterordnungen stabilisieren. Abschließend plädiert der Beitrag für eine Ekklesiologie, die nicht als Legitimationswissenschaft fungiert, sondern als kritische Hilfswissenschaft die historischen Kontingenzen, theologischen Unterbauten und gefährlichen Theologien sichtbar macht, um Transformation und Geschlechtergerechtigkeit zu ermöglichen.
This article examines vocation and conversion as central yet deeply ambivalent categories of Christian identity formation. Drawing on exemplary biographies—Francis of Assisi, Teresa of Ávila, Sor Juana Inésde la Cruz, and Thérèse of Lisieux—the study demonstrates how narratives of vocation are shaped by gendered expectations, embodied practices, and ecclesial power structures. While male vocations appear public, authorizing, and institutionally affirmed, female vocations are confined to cloistered spaces, interiority, and mechanisms of control. The analysis highlights how body, suffering, and poverty function as theological legitimating figures that simultaneously generate dangerous dynamics, particularly for women. A second analytical step identifies the Pauline conversion narrative as a paradigmatic structure of legitimation that continues to shape religious and political discourses. The article argues that vocation and conversion are neither neutral nor harmless categories; rather, they stabilize exclusions, power asymmetries, and normative gender orders. It concludes by advocating for an ecclesiology that does not operate as a science of legitimation but as a critical auxiliary discipline capable of exposing historical contingencies, theological underpinnings, and dangerous theologies. Such an approach is necessary to enable transformation, accountability, and gender justice within the church.
